Manche Reisetipps lernt man erst nach vielen Jahren.
Eines der schönsten Dinge in Norwegen ist das kristallklare Wasser, das überall aus den Bergen fließt.
Kein Wunder, dass viele Wanderer und Reisende ihre Trinkflaschen direkt an kleinen Gebirgsbächen auffüllen. Das Wasser wirkt eiskalt, glasklar und sauberer, als man es sich überhaupt vorstellen kann.
Ich kann das gut verstehen.
Mir ging es lange genauso.
Bis zu einem Sommertag oberhalb von Geiranger.
Dort oben führte ein kleiner Gebirgsbach durch eine wunderschöne Almwiese. Vögel sangen, die Landschaft war nahezu perfekt und das Wasser sah aus, als käme es direkt aus einer Mineralwasserflasche.
Dann schaute ich mich genauer um.
Überall grasten Schafe.
Jedes Frühjahr treiben norwegische Bauern ihre Schafe mit den Lämmern in die Berge, wo sie den ganzen Sommer verbringen. Erst im Herbst werden sie wieder ins Tal gebracht. Diese jahrhundertealte Tradition gehört zu Norwegen und sorgt dafür, dass viele Berglandschaften so offen und wunderschön bleiben.
Doch sie erinnert auch an etwas, worüber viele Besucher nie nachdenken.
Der Bach, der durch diese friedliche Wiese floss, war derselbe Bach, aus dem weiter unten vielleicht gerade jemand seine Trinkflasche auffüllte.
Und Schafe sind nicht der einzige Grund, vorsichtig zu sein.
In der Natur kann vieles passieren. Ein Vogel oder ein Wildtier kann oberhalb eines Baches verenden, starker Regen kann organisches Material ins Wasser spülen oder andere natürliche Einflüsse können die Wasserqualität verändern.
Das bedeutet nicht, dass norwegisches Bergwasser grundsätzlich unsicher ist.
Ganz im Gegenteil.
Viele Quellen und Gebirgsbäche liefern hervorragendes Trinkwasser.
Aber kristallklares Wasser bedeutet nicht automatisch, dass man seine Herkunft kennt.
Die Einheimischen wissen meist sehr genau, welchen Quellen sie vertrauen können.
Als Besucher weiß man das oft nicht.
Deshalb stelle ich mir heute immer dieselbe einfache Frage:
Was befindet sich oberhalb dieses Baches?
Wenn ich die Antwort kenne, genieße ich das Wasser.
Wenn nicht, suche ich lieber eine sichere Trinkwasserquelle oder kaufe eine Flasche Wasser.
Norwegen bleibt dadurch genauso beeindruckend.
Und manchmal erspart einem diese kleine Überlegung den unangenehmsten Teil der Reise.
