Ein Atemzug in der Dunkelheit

Manche Erinnerungen bleiben ein Leben lang. Nicht weil sie besonders wichtig waren, sondern weil sie Jahre später noch immer ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Diese Geschichte beginnt an einem Sommerabend nahe Runde an Norwegens Westküste.

Die Sonne hing bereits tief über den Bergen, als hätte sie jemand dort oben abgelegt. Das Meer war so ruhig, dass es eher an dunkles Glas als an Wasser erinnerte. Solche Abende gibt es nur wenige im Jahr. Die Luft stand still. Kein Windhauch. Keine Wellen.

Es war einfach zu schön, um zu Hause zu bleiben.

Also startete ich das alte norwegische Fischerboot und machte mich auf den Weg Richtung Runde.

Der alte Sabb-Motor lief wie immer in seinem vertrauten Rhythmus.

Tok … tok … tok …

Wer jemals mit einem solchen Motor gefahren ist, kennt dieses Geräusch. Nach einer Weile hört man es kaum noch. Es wird Teil der Landschaft.

Ich fuhr zu einer kleinen Bucht unterhalb einiger Felsen und begann zu angeln.

Ein Wurf.

Noch ein Wurf.

Nichts.

Ich ließ das Boot ein Stück weiter treiben und versuchte es erneut.

Wieder nichts.

So verging die Zeit. Die Sonne verschwand langsam hinter den Bergen, und die Dämmerung legte sich über das Wasser.

Schließlich ließ ich den Köder einholen und setzte mich hinten ans Steuer. Der Motor lief im Leerlauf weiter.

Tok … tok … tok …

Rundherum war es vollkommen still.

Keine Vögel.

Keine Boote.

Kein Mensch.

Nur das Meer.

Dann geschah es.

Direkt hinter mir.

PFFFFFSSSCHHHH!

Ein lautes Ausatmen zerriss die Stille.

Im selben Moment spritzte Wasser über meinen Rücken.

Ich erschrak dermaßen, dass ich beinahe vom Sitz sprang.

Mein erster Gedanke?

Ein Wal.

Nicht vielleicht ein Wal.

Nicht möglicherweise ein Wal.

Sondern ganz sicher ein Wal.

Ein riesiger Wal.

Einer, der mich, das Boot und den alten Sabb-Motor mit einem einzigen Bissen verschlingen würde.

Heute klingt das lächerlich.

Damals war ich vollkommen überzeugt.

Der kleine Gashebel wanderte augenblicklich bis zum Anschlag.

Und der alte Sabb-Motor entwickelte plötzlich eine Leistung, die er wahrscheinlich seit Jahrzehnten nicht mehr gezeigt hatte.

Wenige Minuten später lag das Boot sicher am Steg.

Ich hingegen stand noch immer dort und blickte hinaus auf das Wasser, in dem mein Wal verschwunden war.

Am nächsten Tag erzählte ich die Geschichte einem älteren Norweger.

Er hörte aufmerksam zu.

Dann lächelte er.

Nicht viel.

Nur gerade genug, um mich misstrauisch zu machen.

„Ja, ja“, sagte er. „Wale gibt es hier.“

Dann deutete er Richtung Küste.

„Nicht umsonst heißt der Ort Kvalsvik.“

Das half mir überhaupt nicht weiter.

Im Gegenteil.

Nun wollte ich den Wal erst recht sehen.

Also fuhr ich am Abend wieder hinaus.

Zur gleichen Bucht.

Zur gleichen Stelle.

Ich stellte den Motor ab und wartete.

Ein paar Minuten vergingen.

Dann hörte ich es wieder.

PFFFFFSSSCHHHH!

Direkt hinter mir.

Diesmal drehte ich mich sofort um.

Nichts.

Kein Wal.

Keine Flosse.

Kein Schatten.

Nur ruhiges Wasser.

Verwirrt setzte ich mich wieder hin und begann die Oberfläche genauer zu beobachten.

Nach einer Weile bemerkte ich eine Bewegung.

Etwas schwamm um das Boot herum.

Ruhig.

Neugierig.

Immer wieder tauchte es auf und verschwand wieder unter der Oberfläche.

Und plötzlich verstand ich.

Mein gefürchteter Wal war in Wirklichkeit ein Schweinswal.

Eine Nise.

Sie zog ihre Kreise um das Boot, tauchte neben mir auf, holte Luft und verschwand wieder.

Das laute Geräusch, das mich am Vorabend beinahe in Panik versetzt hatte, war nichts weiter als ihr Atem gewesen.

Von diesem Abend an fuhr ich oft dorthin zurück.

Und erstaunlich oft erschien mein kleiner Begleiter erneut.

Manchmal direkt neben dem Boot.

Manchmal etwas weiter entfernt.

Aber fast immer schien er neugierig zu sein.

Viele Jahre sind seitdem vergangen.

Ich lebe längst nicht mehr dort.

Das alte Boot ist verschwunden.

Doch jedes Mal, wenn ich an Runde denke, erinnere ich mich an diesen Sommerabend.

An das spiegelglatte Meer.

An den alten Sabb-Motor.

Und an den Wal, der keiner war.

Was war es wirklich?

Das geheimnisvolle Wesen, das mich beinahe zurück an den Steg flüchten ließ, war eine Nise – auf Norwegisch der Name für den Schweinswal (Harbour Porpoise).

Viele Besucher halten sie zunächst für Delfine. Schweinswale sind jedoch kleiner, zurückhaltender und deutlich schwerer zu entdecken. Sie leben entlang der norwegischen Küste und tauchen regelmäßig in Fjorden, Buchten und geschützten Küstengewässern auf.

Meist sieht man nur kurz ihren Rücken an der Wasseroberfläche. Manchmal hört man jedoch zuerst ihr kräftiges Ausatmen.

Und wenn man allein in einem kleinen Boot sitzt, die Dämmerung hereinbricht und das Meer spiegelglatt ist, kann dieses Geräusch überraschend groß wirken.

Groß genug, um einen Fischer bei Runde davon zu überzeugen, dass ein Wal zum Abendessen vorbeigekommen ist.